Auf der homepage der Künstlerin Karin Camara findet sich die Bemerkung, daß sie immer vom Thema "Bewegung" ausgehe. Dieses und der Weg und seine Zeichen dienen auch als Führer durch die Ausstellung. Kleine Randbemerkung: Durch Bewegung, nicht durch die Malerei habe ich Karin am Anfang dieses Jahrtausends kennengelernt, nämlich durch das Salsatanzen. Und genauso alt oder jung sind auch die Bilder und Objekte, die sie ausgestellt hat: im Jahr 2001 datierte Bilder sind zu sehen und auch eine ganz neue Arbeit aus diesem noch frischen Jahr. Ein wenig Biographisches: Karin wurde 1969 in Neubrandenburg geboren, lebt seit 1993 in Lapitz, etwas nördlich ihrer Geburtsstadt, ist seit 1997 freischaffende Künstlerin, und hatte 2003 einen für sie und ihr Schaffen wichtigen Aufenthalt in Afrika, in Conakry (Guinea) nämlich.
Wenn man auf ein Ziel zugeht, ist es äußerst wichtig, auf den Weg zu achten. Denn der Weg lehrt uns am besten, ans Ziel zu gelangen, und er bereichert uns, während wir ihn zurücklegen. (Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg)
Anläßlich eines anderen Aufenthalts, dem in Frankreich, hatten wir über den Jakobsweg miteinander zu tun, der sie damals beschäftigte - Bewegung und Weg kamen zusammen, und führten 2003 zu einer Doppelausstellung zusammen mit Regina Bode in der Hamburger Galerie Kunststück, bei deren Eröffnung ich die gerade in Conakry lebende Künstlerin vertreten durfte durch eine Doppellesung zur Doppelausstellung: Texte von Paulo Coelho und Hermann Hesse. Der Name der Ausstellung war bezeichnend: "Weg <> Zeichen".
Suchen wir nun durch die Ausstellung hier in Neustrelitz auf unserer Bewegung durch den Raum den Weg, der durch Zeichen markiert ist. Ich möchte niemandem seine eigenen Seherfahrungen wegnehmen - ich skizziere nur meine eigenen Wahrnehmungen. Vielleicht hilft das auf dem Weg.
Rot und Blau, in Abstufungen von fast deckend bis Pastell sind die Farben des ersten Raumes, der fast ausschließlich Boote zeigt - wie auch ein großer Teil der 51 Arbeiten, die Karin hier ausstellt. Wenn ich richtig gezählt habe, tauchen Boote auf 28 Bildern auf. Aber zum Glück ist Karin keine Marinemalerin: Das Motiv des Bootes wird in unzähligen Formen, Farben, Stimmungen variiert. Die Boote tauchen auf als Form, als dynamisches Motiv, nicht naiv en detail. Und, damit wir den Weg nicht verlieren, ist hier, wie in allen Räumen der Ausstellung, ein Zeichen aufgestellt, das auf Kommendes verweist, die Arbeit auf Aluminium nämlich, die der Ausstellung den Namen gibt: Unermeßlichkeit.
Und, damit wir auch später den Weg nicht verlieren, tauchen immer wieder Boote auf. Eine dieser Kompositionen aus dem ersten Raum, blau, schwer, begleitet uns auch durch die spätere Abstraktion.
Zunächst aber, haben wir die Tür zum nächsten Raum durchschritten, müssen wir unsere Sichtweise ändern. Die ersten Bilder waren so, wie wir Malerei zu kennen glauben: auf weißem Papier das Motiv variiert. Jetzt werden aus der vollflächig aufgetragenen Farbe die Motive herausgeholt, gekratzt, freigelegt. Dies gilt auf jeden Fall für die Arbeiten auf Aluminium. Aber selbst die in jüngster Zeit entstandenen Malereien mit Kohle und Aquarell scheinen die Motive aus einer farbigen Fläche herauszuarbeiten.
Gehen wir weiter zum nächsten Raum, dem der Abstraktion, müssen wir Betrachter noch einen Schritt machen, nämlich den hinter die Farbe. Eine im Vergleich zu den großformatigen Arbeiten Luft, Erde und Wasser fast unauffällig kleine Arbeit auf Aluminium (Katalog Nr. 27) schärft uns den Blick: Man sieht deutlich unendlich viele Arbeitsschritte und Schichten, die im fertigen Objekt zum eher zufälligen Stillstand gefunden haben. Und so ist es auch mit den großen: zunächst fast monochrom mit einigen "Fehlern" und Flecken, erkennt man hinter der Oberfläche eine ganze Welt. Der Betrachter bedauert, nicht die nötigen Wände für diese Arbeiten zu haben...
Zwischendurch ein Wort zum Ausstellungsraum: Wenn ich von "Räumen" spreche, so sind es keine abgeschlossenen Einheiten, sondern eine Vielfalt von Bereichen. Entstanden durch die Gegebenheiten des ehemaligen Arbeitsprozesses in der Fabrik bieten sie die Möglichkeit der Strukturierung, lassen aber auch Ein- und Durchblicke, sind durchlässig. Insgesamt sind sie wie gemacht für die Hängung der Ausstellung, die in scheinbar geschlossenen Kreisen immer wieder Zeichen setzt für Kommendes oder schon Gesehenes. Alle "Räume" sind miteinander verbunden und verzahnt.
Auch im Raum der Abstraktion verweisen drei zusammen gehängte Kleinformate voraus auf einen wirklich abgetrennten Raum, nämlich die nebenan liegende Empore, auf der die Landschaften zusammengefaßt sind. Nebst den Booten und den Abstraktionen sind es diese, die den dritten Schwerpunkt der Ausstellung bilden. Hier hängt auch die jüngste Arbeit aus dem Jahr 2008.
Anmut ist dann erreicht, wenn alles Überflüssige abgelegt wird und der Mensch die Einfachheit und die Konzentration entdeckt: Je einfacher und sparsamer die Haltung, desto schöner ist sie. (Paulo Coelho, Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt, Nr. 44)
Die Landschaften stellen die höchste Form der Anmut dar, denn durch einige wenige Kohlestriche, manchmal unterstützt durch zartes, fast verwischtes Braun, auch schon einmal durch ein kräftiges Rot, entstehen ganze Gegenden mit Bäumen, Hügeln, Straßen, Seen. Einfache und wenige Striche lassen allein durch ihre Zusammenstellungen Landschaften entstehen. Hier schließt sich auch wieder ein Ring, denn auf diese geniale Reduktion verweist bereits die oben genannte "Unermeßlichkeit" im ersten Raum, die mit dreizehn oder vierzehn Strichen, nur waagerecht und senkrecht, Vorder-, Mittel- und Hintergrund umreißend, einen unendlichen Blick im Betrachter evoziert.
Aus dem Raum der Landschaften muß man aber nochmals ein paar Schritte zurück, denn kurz vor dem Verlasssen der ehemaligen Fabrikhalle blitzen zweimal kurz die afrikanischen Erfahrungen auf: Graphisch gesehen zweimal drei senkrechte und nebeneinander angeordnete Figuren entpuppen sich bei näherem Hinsehen als ungeheuer stolz und aufrecht gehende guinesische Frauen mit - nicht unterscheidbar - hohem Kopfputz oder Lasten auf dem Kopf.
Ganz am Ende, nach den Landschaften, fällt einem etwas auf, das einen schon die Treppe hinauf zum ersten Raum begleitet hat, ohne durch die große Nähe richtig wahrgenommen werden zu können: die für mich schönste großformatige "monochrome" Arbeit, das Feuer. Im Raum der Abstraktion hingen nur drei Bilder: Erde, Wasser, Luft. Hier ist dann die Ergänzung und der Neuanfang: das Feuer, dessen intensives Glühen sich dem Betrachter erst durch eine Zeit der Konzentration erschließt, denn er muß, wie bei den anderen drei Elementen, erst die Farbe "durchstoßen", um zu ihm zu gelangen.
Viele Arbeiten auf engstem Raum - viel wird von dem Betrachter verlangt. Aber es zeigt sich, daß jedes Bild im Zusammenhang mit den anderen seine Stelle hat, im Zusammenhang mit dem nicht ganz einfachen Raum seinen Ort. Nicht einfach nur viele Bilder - eine Ausstellung, wie sie sein soll!
Von Karins Lieblingsautor wechsle ich nun zu meinem, Jean Paul: Voller Zeichen steht die Welt, man muß nur lernen, sie zu lesen. Dieses Lernen vollzieht sich in der Ausstellung fast von selbst.