Rhythmus der Farben Karin Camaras Malerei
Von Ulf Rickmann (Grafiker)
Die weiße Papierfläche ist von schwindelerregender Lähmung, am Anfang, bevor der erste Pinselstrich ein Zeichen setzt. Ein Phänomen, mit dem Maler und Zeichner fast immer konfrontiert werden. Es kostet Überwindung, die Mattheit und Glätte des Bildträgers zu zerstören. Ein Glücksumstand, wenn der erste Strich, das erste Zeichen diese Leere füllt, sich in Beziehung zu der Fläche des Weiß des Papiers stellt und im Anschluss mit Leichtigkeit weitere Elemente die Fläche ergänzen; in Harmonie, wo der Duktus des Pinsels seinen Rhythmus erkennen lässt. Seinen Rhythmus? Ist er einem fremd, beginnt die qualvolle Auseinander-setzung zur Vollendung der großen Form.
Karin Camaras Malerei steht in diesem engen Zusammenhang. In Anbetracht der Schönheit, der Ästhetik von Farbe und Form und der Genauigkeit des Ergebnisses ahnen wir die vorangegangene, konzentrierte Überlegung, die darin enthaltende Sensibilität von Rhythmus und Klang. Diese Malerei, die seit ungefähr einem knappen Jahrhundert existiert, hat nicht das Geringste ihrer Frische verloren: keine technische Schwäche, kein Überdruss oder keine Gleichgültigkeit, wenn wir Karin Camaras Blätter heute hier betrachten. Die ausgedehnte und maßlose Kontinuität des Strichs, seine Großzügigkeit und scheinbare Unfehlbarkeit, sowie der durch die Überschneidung der Rhythmen hervorgerufene Wechsel von Linie und Fläche, lässt diese Schwierigkeit nur erahnen. Die heftig anmutende Aktion zeigt hier in ihren Arbeiten ihre sensible Steuerung und führte somit zur Geburt des Bildes.
Das endgültige Ergebnis des Werkes muss trotz der Bedingungen der Freiheit im Verhältnis zur gesteuerten Malgestik stehen, die sich entweder aus der sie bedingenden Anfangsgeste ergibt die Struktur der Eigendynamik, sogar der Durchbruch des eigenen Schicksals oder/und aus dem Chaos der Aktion, ein-schließlich des Unterbewussten, dass sich aus einer ästhetischen Option hinsichtlich des Resultates dem entgegenstellt. Auf jeden Fall ist klar, um es auf den Punkt zu bringen, dass das Bild so betrachtet werden muss und nicht anders, dass seine rhythmische Vollendung in solcher fremden und mehrdeutigen Situation wie hier in einer Bank sowohl aus der Art des auf dem Papier verwirklichten Farbklanges sowie auch aus dem erzeugten Rhythmus herrührt.
Die mich bei Karin Camaras Malerei beeindruckende Sparsamkeit der Farbe unterstreicht noch einmal den sensiblen Umgang mit diesem Medium. Die Farben schwarz, blau, rot ergeben den Farbklang, ohne die In-tensität dieser trotz Mischung in Frage zu stellen. Manchmal erscheint mir ein Zusammenhang zur Kalli-graphie zu bestehen, mit deren Leichtigkeit des Pinselschwunges, zum Beispiel die Japaner, seit Jahr-hunderten einen ähnlichen Ausdruck auf dem Papier erzielen.